Kontext: Welche spezifischen Therapieansätze und Techniken halten Sie bei der Behandlung von Ängsten als besonders wirksam?
Gregor Harbauer: Es gibt einige wirksame Verfahren, dazu gehört zum Beispiel die Exposition. Patientinnen und Patienten sollten Situationen, die mit Ängsten verbunden sind, nicht meiden, sondern sich diesen Situationen und Ängsten stellen.
Wie sieht es bei Traumata aus?
Wolfgang Gerke: Die Frage ist nicht pauschal zu beantworten, weil Traumata zu sehr unterschiedlichen Störungen führen können. Traumafolgestörungen sind heterogen und individuell. Von daher ist es schwierig, für die Behandlung von Traumata einen spezifischen Therapieansatz hervorzuheben. In unseren Therapien versuchen wir, den individuellen Faktoren gerecht zu werden.
Welche Therapieansätze sind in der Psychosomatik besonders wirksam?
Josef Jenewein: Ähnlich wie bei Angststörungen geht es bei psychosomatischen Erkrankungen um Verstehen und Verändern. Das Verstehen kann aber sehr schwierig sein, weil die Symptome für die Patienten häufig keinen Sinn ergeben. Wir müssen sie daher an ein Verständnis heranführen, bei dem sie begreifen, dass ihre körperlichen Symptome Ausdruck von psychischem Stress sind, d. h. mit der jeweiligen Lebenssituation des Betroffenen zusammenhängen. Auf dieser Grundlage können Therapeutin und Patient miteinander arbeiten. Und ganz wichtig: Patienten müssen lernen, auch mit Symptomen zu leben. Das Ziel ist nicht immer die Symptomfreiheit, sondern das Erlangen einer möglichst hohen Lebensqualität und Handlungsfreiheit. Das braucht Zeit, viel Übung und möglicherweise auch die Bereitschaft, sein Leben zu ändern.
Wie wichtig sind Therapieziele?
Gregor Harbauer: Sehr wichtig! Wir legen die Ziele gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten fest. Was wollen sie erreichen? Was soll wieder möglich sein? Die angstfreie Busfahrt in der Stadt oder eine mehrwöchige Reise in fremde Länder? In der Therapie geht es darum, «in die Ängste zu gehen», und die Patienten sollen erfahren, dass ihre Ängste zu bewältigen sind.
Welche Bedeutung hat die therapeutische Beziehung?
Josef Jenewein: Eine entscheidende. Wir arbeiten hier an der Hohenegg mit dem sogenannten Kontextmodell. Dazu gehört: Wir «be-ziehen» die Patientinnen und Patienten mit ein, ihre Rolle ist eine aktive, sie sind am therapeutischen Geschehen beteiligt und ihm nicht einfach «ausgesetzt».
Gregor Harbauer: Unsere Expertise ist wichtig, die braucht es. Aber Therapie funktioniert nur, wenn Patienten Vertrauen haben in die Verfahren und in uns. Die Beziehungsgestaltung und die Qualität der Beziehung sind daher essenziell. Schliesslich trägt die Plausibilität zum Therapieerfolg bei. Die Patientinnen und Patienten müssen verstehen, was geschieht und wie Verfahren wirken. Wenn die drei Faktoren Expertise, Beziehung und Plausibilität zusammenwirken, stehen die Chancen gut, dass Therapie gelingt.
Wolfgang Gerke: Die therapeutische Beziehung ist enorm wichtig für den Behandlungserfolg. Da sind sich Therapeutinnen und Therapeuten aller Schulen einig. Traumatisierung bedeutet: Verlust von Kontrolle und Sicherheit. Die therapeutische Beziehung trägt dazu bei, wieder Sicherheit zu erlangen.
Josef Jenewein: Beziehung hat mit Vertrauen zu tun, und gerade dieses Vertrauen haben Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen häufig verloren. Das Vertrauen in ihren Körper, in Mitmenschen und bisweilen auch in Therapeuten. Man hat ihnen vielleicht gesagt: Du hast kein Problem, nimmt sie nicht ernst, stellt ihre Wahrnehmung in Frage. Dem wirken wir entgegen. Wir unterstützen sie im Wiedererlangen von Vertrauen in ihren Körper und in Beziehungen. Nur wenn die Beziehung zwischen Patientin und Therapeut gesichert ist und trägt, ist Veränderung möglich.
Sie haben von Plausibilität gesprochen, Gregor Harbauer. Weshalb ist es sinnvoll, dass Patienten verstehen, was in einer Therapie geschieht?
Gregor Harbauer: Das Verständnis, wie eine Vorgehensweise funktioniert und wirkt, ist vertrauensbildend. Gerade bei Verfahren wie der Expositionstherapie hat sich gezeigt, dass die Therapie in der Regel nur zum Erfolg führt, wenn die Patienten wissen, was sie erwartet und was dank der Therapie, die von ihnen viel fordert, wieder möglich sein kann.
Wolfgang Gerke: Wir sprechen auch von Psychoedukation. Wenn ein Patient versteht, welche Symptome durch Traumafolgestörungen ausgelöst werden können und dass dies nicht ein persönliches Defizit darstellt, sondern Teil eines Prozesses ist – den viele Menschen ähnlich erleben –, dann ist das erleichternd. Dieses Verständnis schafft Orientierung und trägt dazu bei, die Kontrolle wiederzuerlangen, was einem psychologischen Grundbedürfnis entspricht.
Die Patientinnen und Patienten erfahren ein Gefühl von Sicherheit, insbesondere gegenüber dem eigenen inneren Erleben. Interprofessionalität wird an der Hohenegg grossgeschrieben.
Gregor Harbauer: Das ist richtig. Das Zusammenspiel verschiedener Berufsgruppen bzw. Therapieformen ist bedeutsam. Körperorientierte Therapie, Achtsamkeitsmeditation oder Gestalttherapie ergänzen die Psychotherapie gerade bei Angststörungen wirkungsvoll. Auch Pflegefachpersonen tragen zur Genesung bei. Sie prägen ein vertrauensvolles Umfeld und erfahren, auch in Alltagsgesprächen, was Patienten belastet, wo sie zum Beispiel Druck erfahren und wie sie mit Stress umgehen. Das stärkt die Selbstwirksamkeit. Wir alle arbeiten Hand in Hand, was wertvoll ist.
Josef Jenewein: Gerade bei psychosomatischen Erkrankungen – wo die Körperwahrnehmung und deren Steuerung beeinträchtigt sind –, ist der multiprofessionelle Ansatz unersetzlich. Die Patientinnen und Patienten lernen unter fachkundiger Anleitung der Spezialtherapeutinnen festgefahrene problematische Verhaltensweisen und Vorstellungen zu modifizieren. Die Klinik ist hier ein Übungsfeld.
Wolfgang Gerke: Körperorientierte Therapien und Achtsamkeitsmeditation spielen auch in der Traumatherapie eine grosse Rolle. Traumata sind im Körper gleichsam eingeschrieben. Daher ist eine nur verbal orientierte Therapie oft unzureichend. Körperarbeit ist da hilfreich. Körperorientierte Traumatherapien wie zum Beispiel Bewegungs- und Tanztherapie, Somatic Experiencing oder Yoga, aber auch Mal- und Musiktherapie haben eine lange Tradition. Achtsamkeitstraining ist ebenfalls sinnvoll, weil es zur Stressminimierung beiträgt. Aber die Erfahrung zeigt auch, dass Achtsamkeitsübungen für Patienten schwierig sein können. Wenn man sich aufs Meditationskissen setzt und die Augen schliesst, dann tauchen möglicherweise belastende Bilder wieder auf, was für den therapeutischen Prozess hilfreich sein kann, aber nicht einfach auszuhalten ist. Es braucht also ein individuell abgestimmtes Vorgehen: den Patienten fordern, aber nicht überfordern.
Sie sind erfahren in der Behandlung von Angststörungen, Traumata bzw. psychosomatischen Erkrankungen. Sind diese Erkrankungen heilbar?
Gregor Harbauer: Heilbar, ein schönes Wort. Wir arbeiten, wie erwähnt, zielorientiert. Heilung bei Angststörungen kann nicht heissen: ohne Angst leben. Die Angst gehört zum Leben, und es ist normal, in bestimmten Situationen Angst bzw. Furcht zu haben. Aber sie soll uns in unserem Lebensalltag möglichst wenig beeinträchtigen. Wenn wir von Angststörungen mit hohem Leidensdruck sprechen, dann sind die Chancen zur «Heilung» tatsächlich sehr gut, denn es gibt therapeutische Verfahren, die sich bewährt haben. Menschen mit Flugangst zum Beispiel steigen wieder in ein Flugzeug und solche mit sozialen Ängsten besuchen Museen, Theater und Konzerte. Allerdings kann eine gewisse Vulnerabilität mit Rückfällen bleiben. Meist haben die Betroffenen gelernt, damit umzugehen.
Wolfgang Gerke: Traumata liegen in der Vergangenheit, die man nicht ändern kann. Aber was aus Menschen wird, die ein Trauma erlitten haben, ist ein zukunftsgerichteter Prozess. Die Einstellung zur Zukunft lässt sich grundsätzlich positiv beeinflussen. Wir haben keine Garantie, dass eine Heilung gelingt, aber es besteht die Möglichkeit dazu. Es ist das Ziel, dass sich ein Mensch geheilt fühlt, im Sinne von ganz und integriert, d.h., dass auch schwierige Ereignisse akzeptiert werden können. Das kann ein längerer Prozess sein. Wichtig ist, dass Betroffene die Hoffnung nicht aufgeben. Ich erlebe Patientinnen und Patienten, die über viele Jahre an einer Traumafolgestörung leiden und irgendwann zu dem Punkt kommen, wo sie sagen: Mein Alltag ist lebenswert, ich gehe meinen Weg und es gibt Heilung, auch wenn ich von Symptomen nicht vollständig befreit bin.
Josef Jenewein: Das Problem bei psychosomatischen Erkrankungen ist die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung des Körpers und der Erwartung an den Körper. An diesen zwei Stellschrauben kann man drehen. Man kann die Wahrnehmung zwar nicht völlig verändern, aber man kann sie im therapeutischen Prozess beeinflussen. Und Patienten können ihre Erwartungen anpassen. Insofern sind Erkrankungen therapierbar. Schwierig ist es, wenn Betroffene nach langjährigem, chronifiziertem Leiden (zu) spät einen Therapeuten aufsuchen, weil sich krankmachende Muster (Erwartungen) und Verhaltensweisen verfestigt haben. Diese Menschen müssen allenfalls ihr ganzes Leben lang mit Rückfällen zurechtkommen. Aber wie gesagt, Heilung ist ein grosser, auch unpräziser Begriff. Letztlich geht es um Lebensqualität, und die hängt von vielen Faktoren ab, im Wesentlichen aber davon, dass Wahrnehmung und Erwartung kongruent sind.
Text: Rolf Murbach
Interview geführt von Sabine Claus