Beruflicher Wendepunkt: Von der Klinik in die eigene Praxis

Dr. med. Wolfgang Gerke berichtet über seinen Weg von der Institution in die eigene Praxis. Er schildert seine Erfahrungen, die Veränderungen im Arbeitsalltag – und was ihm geholfen hat, die anfänglich emotional herausfordernde Situation zu bewältigen.

Wolfgang Gerke

Ein beruflicher Wendepunkt kündigt sich selten in einem einzigen Moment an. Für unseren ehemaligen Leitenden Arzt Dr. med. Wolfgang Gerke war der Schritt von der stationären Tätigkeit in die ambulante Arbeit ein längerer Prozess. Heute führt er eine eigene psychiatrisch-psychotherapeutische Praxis in Zürich. Im Interview gibt er Einblick in seinen Weg in die Selbstständigkeit – und spricht offen über Herausforderungen, Lernschritte und persönlichen Gewinn.

Wolfgang, wie hast du zum ersten Mal gespürt, dass du an einem beruflichen Wendepunkt stehst?

Es gab nicht den einen Moment. Der Gedanke an eine eigene Praxis begleitete mich seit über zehn Jahren. Unser Beruf ist vielseitig – man kann sehr gut im stationären und ambulanten Setting arbeiten. Vorbilder waren Kolleginnen und Kollegen, die den Schritt bereits gemacht hatten. Die stationäre Arbeit war spannend, aber je näher mein 60. Geburtstag rückte, desto stärker wurde das Gefühl: Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich wollte berufliche Wünsche nicht länger in eine unbestimmte Zukunft verschieben.

Wie hast du den Übergang vom Kliniksetting zur selbständigen Praxis innerlich erlebt?

Der Wechsel war schwieriger als gedacht. Fachlich war ich sicher, aber das ambulante Setting brachte viele neue Anforderungen – organisatorisch, administrativ und emotional. Eine neue Gestaltungsfreiheit, aber auch ein neues Mass an Verantwortung. In der Klinik konnte ich mich bei Bedarf jederzeit austauschen; jetzt muss ich das kollegiale Gespräch bewusst suchen. Es
passiert nicht mehr en passant.

Welche Veränderungen in deinem Selbstverständnis als Psychiater und Psychotherapeut sind dadurch entstanden?

In der Klinik ging es vor allem darum, die Arbeit gut zu machen. Jetzt geht es darum, die richtigen Aufgaben zu wählen. Ich muss Prioritäten setzen: Welche Fälle nehme ich an? First come, first served ist nicht immer sinnvoll. Wo setze ich meine Ressourcen am besten ein – und wie passen sie zu denen meiner Patientinnen und Patienten? Diese Entscheidungen treffe ich heute viel bewusster. Auch über Therapiepausen oder das Beenden eines Prozesses mache ich mir jetzt mehr Gedanken, weil mir die Regeln der Institution nicht mehr den Rahmen vorgeben.

Wie hat sich dieser Wendepunkt auf deine Prioritäten und deinen Alltag ausgewirkt?

Selbstfürsorge und der Erhalt meiner persönlichen Ressourcen sind zentraler geworden. Als Selbstständiger gibt es ein Sicherheitsnetz weniger – etwa bei Krankheit. Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen schneller. Deshalb strukturiere ich meinen Alltag konsequent, arbeite mit einem Stundenplan und klaren Slots. So kann ich präsent sein, ohne mich zu überfordern. Ich darf mich nicht einfach mitreissen lassen. In der Klinik war die Arbeitszeit klar definiert: durch Präsenz und Arbeitswege. Jetzt braucht es mehr Disziplin.

Was war anspruchsvoll in der Zeit der Veränderung – und was hat dir geholfen?

Es war emotional herausfordernder, als ich erwartet hatte. Ängste tauchten auf, ein Auf und Ab. Geholfen haben mir meine eigenen therapeutischen Kenntnisse – theoretisch wie praktisch. Rückblickend war diese Phase eine intensive Selbsterfahrung: Vieles, was ich sonst begleite, habe ich an mir selbst beobachtet und für mich angewendet. Auch die Zusammenarbeit mit den ehemaligen Kolleginnen und Kollegen der Klinik ist im Sinne von «kurzen Wegen» sehr wichtig und hilfreich. Fazit: Es war anspruchsvoller als gedacht – und bot gleichzeitig Chancen für persönliches Wachstum. Und ich habe den Schritt keinen Tag bereut.

 

Info zur Person: Dr. med. Wolfgang Gerke verfügt über 20 Jahre klinische Erfahrung sowie 10 Jahre universitäre wissenschaftliche Tätigkeit. Vor dem Schritt in die Selbstständigkeit war er 2,5 Jahre Leitender Arzt an der Privatklinik Hohenegg. Seit knapp einem Jahr führt er seine eigene psychiatrisch-psychotherapeutische Praxis in Zürich.

Autor*innen

  • Sabine Claus

    Leiterin Marketing & Kommunikation

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