Wendepunkte im Leben

In der Behandlung an der Privatklinik Hohenegg begleiten wir Menschen in Momenten, in denen das Leben eine neue Richtung sucht. Auch wir, die Begleitenden, erleben Wendepunkte – beruflich wie persönlich. Dieser Beitrag verbindet beides: meine eigenen Erfahrungen und den Blick auf jene, die uns ihr Vertrauen schenken.

Josef Jenewein

Wann haben Sie zuletzt eine Entscheidung getroffen, die Ihr Leben grundlegend verändert hat? Oder war es ein besonderes Ereignis oder eine einzigartige Begegnung, wodurch sich Ihr Leben veränderte? Mein letzter Wendepunkt liegt nun genau vier Jahre zurück, als ich mich entschieden habe, die Position des Ärztlichen Direktors der Privatklinik Hohenegg zu übernehmen. Es ist gewiss eine schöne und ehrenhafte Aufgabe. Doch was bringt eine solche Entscheidung mit sich, und wie verändert sie das Leben?

Mut

Für viele Menschen, die sich für eine Behandlung in unserer Klinik entscheiden, bedeutet diese Entscheidung einen Wendepunkt. Sehr häufig steht dahinter eine existentielle Not. Die Behandlung wird zu einer Not-Wendigkeit. Auch wenn die Behandlungspfade klar und strukturiert sind, ist der Weg der «Wende» nicht immer vorhersehbar, und es braucht deshalb viel Mut, sich darauf zu begeben und auf ihm zu bleiben. Der Weg ist nicht ohne Risiko, weil es gerade darum geht, bekannte Pfade zu verlassen und neue auszuprobieren, um das zu werden, was man eigentlich sein könnte. «Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.» (S. Kierkegaard). Doch der Mut wird belohnt, wenn sich erste kleine Veränderungen einstellen, sich Lichtblicke oder «heilsame Momente» zeigen, wie in der Fallvignette von Nina Bergfeld und Ricarda Seidel (Seite 4) oder dem Erfahrungsbericht unserer Patientin Luisa Odermatt beschrieben (Seite 6). Es ist ein grosses Privileg, Menschen auf diesem Weg begleiten zu können.

Holzwege

Jede Veränderung ist mit Unsicherheit verbunden. Auch wenn man sich noch so gut informiert hat, begibt man sich auf einen Weg, der noch unbekannt ist. Wissen und Erfahrung helfen zwar, dennoch tritt Neues, Unbekanntes und auch Überraschendes auf. Holzweg? «Holz lautet ein alter Name für Wald. Im Holz sind Wege, die meist verwachsen, jäh im Unbegangenen aufhören. Sie heißen Holzwege. Jeder verläuft gesondert, aber im selben Wald. Oft scheint es, als gleiche einer dem anderen. Doch es scheint nur so. Holzmacher und Waldhüter kennen die Wege. Sie wissen, was es heisst, auf dem Holzweg zu sein.» schreibt der Philosoph Martin Heidegger (GA 5), der sich gelegentlich verirrte und manchen Umweg in Kauf nehmen musste. Nicht immer gibt es ausgetretene Pfade, und jeder muss für sich seinen Weg finden – manchmal mehr oder weniger anstrengend: dichtes Gestrüpp, Steine und unpassierbare Hindernisse können den Eindruck erwecken, der Weg verliere sich. Dann gilt: sich selbst und dem Ziel treu bleiben.

Ankommen und Aufbrechen

In den ersten zwei Behandlungswochen geht es um das Ankommen: in der Klinik und bei sich. Vieles ist noch ungewohnt und vielleicht sogar fremd. Die Klinikmitarbeitenden sowie «erfahrene» Patientinnen und Patienten helfen dabei, den Weg zu finden – auch wenn sie die eigentliche Suche nicht abnehmen können. So ist es auch mir damals ergangen, und ich danke allen, die mich begleitet und unterstützt haben. Und wenn die Wege wieder einmal eng und undurchsichtig werden, weiss ich, dass ich mich auf viele unterstützende Menschen verlassen kann. Der «Hohenegg-Geist», den mir mein Vorgänger feierlich überreicht hat, steht in meinem Büro und wacht sorgsam über mein Tun. Jedes Ankommen ist gleichzeitig ein Aufbruch.

Wendepunkte sind keine Schicksalsschläge, sondern bewusste Entscheidungen. Entscheidungen brauchen Mut, und keine Entscheidung zu treffen, führt in die Not. Als persönliches Motto dient mir seit meiner Schulzeit ein lateinischer Spruch: «Quidquid agis prudenter agas et respice finem.» – «Was auch immer du tust, tue es klug und bedenke das Ende.» Falls Sie sich auch an einem persönlichen Wendepunkt befinden, wünsche ich Ihnen viel Mut und gutes Gelingen auf dem Holzweg.

Autor*innen

  • Prof. Dr. med. univ. Josef Jenewein

    Ärztlicher Direktor

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