Gestresste Jugend? Ein differenzierter Blick

Mit einer einfachen Frage eröffnete Gregor Hasler den Abend: Wer im Saal sei unter 30? Einige Hände gingen hoch. Gleich danach fragte er, wer beruflich oder privat mit Kindern und Jugendlichen zu tun habe – zahlreiche Personen im Saal meldeten sich. Schon in diesen ersten Minuten wurde deutlich: Die Frage nach Stress und psychischer Belastung junger Menschen betrifft längst nicht nur Fachpersonen, sondern Eltern, Lehrpersonen und die Gesellschaft insgesamt. Beim Hohenegg-Gespräch diskutierten Gregor Hasler und Susanne Walitza darüber, was Jugendliche heute besonders fordert – und was ihnen Halt gibt.

Vor über 200 Gästen diskutierten Gregor Hasler und Susanne Walitza beim Hohenegg-Gespräch über Stress, Vergleichskultur und Schutzfaktoren junger Menschen.

Im Zentrum des Hohenegg-Gesprächs stand die Frage, ob die heutige Jugend tatsächlich zunehmend gestresst ist, was sie besonders belastet und was Erwachsene, Familien und die Gesellschaft tun können, um junge Menschen besser zu unterstützen. Gesprächspartnerin von Prof. Dr. med. Gregor Hasler war Prof. Dr. med.
Dipl.-Psych. Susanne Walitza, Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Direktorin Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich – eine der profiliertesten Stimmen ihres Fachs in der Schweiz.

Es geht vielen Jugendlichen gut – und gleichzeitig nicht. Susanne Walitza zeichnete ein differenziertes Bild. Sie verwies auf die aktuelle Pro Juventute Jugendstudie, die zeigt: Die grosse Mehrheit der Jugendlichen in der Schweiz gibt an, sich grundsätzlich wohlzufühlen. Gleichzeitig berichten viele junge Menschen von wachsendem Stress, Erschöpfung und psychischer Belastung. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Mädchen und jungen Frauen. Ihnen geht es mental insgesamt schlechter als Jungen. Allerdings sprechen sie auch häufiger über ihre Belastungen und verfügen oft über mehr Strategien, um mit schwierigen Gefühlen umzugehen.

Jungen dagegen greifen seltener auf solche Strategien zurück und sprechen weniger über psychische Probleme. Das macht sie nicht weniger belastet, aber oft schwerer erreichbar. Im klinischen Kontext zeigt sich zugleich, dass mehr Mädchen wegen psychischer Probleme hospitalisiert werden.

Susanne Walitza, Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, beim Hohenegg-Gespräch in Zürich.

Was Jugendliche am meisten stresst

Auf die Frage, was Jugendliche heute am stärksten unter Druck setzt, nannte Walitza mehrere Faktoren. Ganz vorne stehen Schule und Ausbildung, der damit verbundene Leistungsdruck sowie die Unsicherheit in Bezug auf die berufliche Zukunft. Viele junge Menschen fragen sich, ob sie überhaupt noch erreichen können, was ihre Eltern erreicht haben – ob sie einen guten Beruf finden, finanziell sicher leben oder ein stabiles Leben aufbauen können.

Als besonders wichtigen Risikofaktor benannte Susanne Walitza den ständigen Vergleich mit anderen. Dieser Vergleich ist heute allgegenwärtig und wird durch soziale Medien massiv verstärkt. Jugendliche wachsen in einer Welt auf, in der Aussehen, Leistung, Beliebtheit und Erfolg jederzeit sichtbar und vergleichbar sind. Für viele wird dies zu einer dauernden inneren Messlatte.

Hinzu kommt ein Gefühl, das Walitza als eine Art Kontrollverlust beschrieb. Junge Menschen fühlen sich in der Schweiz zwar grundsätzlich sicher und aufgehoben, zugleich erleben sie aber, dass die Welt unübersichtlicher, krisenhafter und weniger steuerbar geworden ist. Dieses Gefühl, nicht wirklich Einfluss nehmen zu können, verunsichert. Eine mögliche Reaktion darauf ist der Versuch, wenigstens sich selbst perfekt zu machen. Selbstperfektionierung wird dann zu einer Strategie, um wieder Kontrolle zu gewinnen.

 

Gastgeber Gregor Hasler ist Hohenegger Stiftungsrat und diskutiert mit Susanne Walitza die Situation von Jugendlichen in der Schweiz.

Warum positives Feedback so wichtig ist

Besonders eindrücklich war Walitzas Hinweis auf die Hirnentwicklung im Jugendalter. Das Stirnhirn, das unter anderem für Planung, Selbststeuerung und Impulskontrolle zuständig ist, ist bei Jugendlichen noch nicht vollständig entwickelt. Deshalb sind junge Menschen in besonderem Mass auf positives Feedback angewiesen. Anerkennung, Zugehörigkeit und Ermutigung haben für sie ein besonderes Gewicht.

Umgekehrt trifft negatives Feedback Jugendliche sehr viel härter als Erwachsene. Es wird intensiver erlebt und hilft nicht bei der Stressbewältigung – im Gegenteil. Walitza plädierte deshalb dafür, dass Erwachsene Jugendliche bewusst stärken, ihnen Vertrauen entgegenbringen und sie nach Kräften unterstützen. Gerade in einer Lebensphase, in der vieles im Umbau ist, brauchen junge Menschen Resonanz, Orientierung und stabile Beziehungen.

Smartphones: weder einziger Problemverursacher noch Bagatelle

Ein grosser Teil des Gesprächs galt dem Einfluss digitaler Medien. Die Generation Z wächst seit ihrer Kindheit mit Smartphones auf. Das ermöglicht vieles, bringt aber auch neue Formen von Belastung mit sich. Studien zeigen, dass mit dem Aufkommen des Smartphones auch Depressivität und Schlafstörungen zugenommen haben. Als kritischer Bereich galt lange eine Nutzung von drei bis vier Stunden pro Tag – wobei diese Zahl heute fast schon normal erscheint.

Für Walitza ist jedoch nicht allein die Nutzungsdauer entscheidend, sondern vor allem die Frage, welche Inhalte konsumiert werden und ob die Lebensbalance noch stimmt. Problematisch wird es dann, wenn soziale Medien zur wichtigsten oder einzigen Form der Entspannung werden und andere Ressourcen verloren gehen.

Gleichzeitig warnte sie vor pauschalen Verboten. Ein generelles Smartphone-Verbot für Jugendliche lehnt sie klar ab. Sie plädiert vielmehr für einen differenzierten Umgang: vor 14 Jahren möglichst kein eigenes Smartphone, danach schrittweise mehr Eigenverantwortung, ab etwa 16 Jahren ein freierer Umgang. Entscheidend sei, dass Kinder und Jugendliche begleitet werden und Erwachsene selbst eine glaubwürdige Vorbildfunktion einnehmen.

Walitza schilderte in diesem Zusammenhang eindrückliche Beobachtungen: Eltern auf Spielplätzen, die mehr auf ihr Handy als auf ihre Kinder schauen, oder Kleinkinder, die mit Tablets beschäftigt werden, statt echte Gesichter und unmittelbare Resonanz zu erleben. Ihre Botschaft war klar: Der Umgang mit digitalen Medien ist immer auch ein Thema der Erwachsenen.

Die Gesellschaft kann den Anstieg psychischer
Probleme bei Jugendlichen verringern,
indem sie ein unterstützendes, integratives und auf
Prävention ausgerichtetes Umfeld schafft.

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Susanne Walitza

Teilnehmende melden sich per Handzeichen im vollen Vortragssaal.

Gregor Hasler fragte: Wer im Saal ist unter 30? Einige Hände gingen hoch.

Klassenchat, Chatbot und gesellschaftliche Verantwortung

Walitza machte zugleich deutlich, dass Smartphones nicht nur problematisch sind. Klassenchats etwa seien aus dem Alltag von Jugendlichen kaum mehr wegzudenken. Wichtig sei jedoch, dass dort wirklich alle dazugehören und niemand ausgeschlossen werde.

Interessant war auch ihre Beobachtung aus der Forschung, dass sich junge Menschen bei Problemen heute an unterschiedliche Anlaufstellen wenden: an Eltern, an Fachpersonen, aber zunehmend auch an Chatbots. Das zeigt, wie sehr sich Hilfesuche verändert. Digitale Angebote können niederschwellig sein, ersetzen aber keine tragfähigen menschlichen Beziehungen.

Besonders spannend war in diesem Zusammenhang das Beispiel einer von Schülerinnen und Schülern entwickelten Präventions-App zur Frage: Was hilft mir, damit ich nicht so viel im Netz bin? Darin liegt eine gewisse Paradoxie – und zugleich eine Chance. Der gesunde Umgang mit dem Smartphone und mit sozialen Medien, so wurde an diesem Abend deutlich, ist längst zu einem gesellschaftlichen Auftrag geworden.

Was Jugendliche schützt

Neben den Belastungen sprach Susanne Walitza auch über Ressourcen und Schutzfaktoren. Als wichtigste Schutzfaktoren nannte sie Freunde und Familie. Beziehungen, Zugehörigkeit und echte Verbundenheit sind für Jugendliche ein zentrales Gegengewicht zu Stress und Verunsicherung.

Interessant waren auch die Unterschiede, die junge Menschen selbst benennen. Als Ressourcen von Jungen wurden insbesondere Humor und Sport genannt. Mädchen nannten häufiger Kreativität, analoge Beschäftigungen und die Familie. Gleichzeitig wies Walitza darauf hin, dass Mädchen insgesamt deutlich zu wenig Sport treiben – obwohl gerade Bewegung ein wichtiger Schutzfaktor für die psychische Gesundheit ist.

 

Applaudierendes Publikum

Applaus aus dem Publikum nach dem Hohenegg-Gespräch im Museum für Gestaltung Zürich.

Ein Gespräch, das nachwirkte

Das Hohenegg-Gespräch machte deutlich, wie komplex die Lebenswelt junger Menschen heute ist. Es geht nicht um einfache Diagnosen und schon gar nicht um pauschale Kulturkritik. Die Jugend von heute ist nicht einfach „schwächer“ oder „empfindlicher“. Sie wächst unter Bedingungen auf, die neue Belastungen mit sich bringen: permanente Vergleichbarkeit, digitale Dauerpräsenz, hohe Ansprüche und eine Welt, die zugleich viele Möglichkeiten und viel Verunsicherung bereithält.

Umso wichtiger ist es, dass Erwachsene Jugendliche nicht vorschnell bewerten, sondern ihnen zuhören, sie ernst nehmen und ihnen Orientierung geben. Die Botschaft des Abends war klar: Junge Menschen brauchen keine perfekte Welt. Aber sie brauchen Erwachsene, die präsent sind, Halt geben und Verantwortung übernehmen.

Zur Veranstaltung

Das Hohenegg Gespräch fand am Dienstag, 17. März 2026, im Museum für Gestaltung Zürich statt. Über 200 Gäste nahmen teil, darunter zahlreiche junge Menschen unter 30 Jahren. Nach dem Gespräch bot der anschliessende Apéro Gelegenheit für persönliche Begegnungen, Austausch und Vernetzung.

Mit der Veranstaltungsreihe Hohenegg Gespräche möchte die gemeinnützige Stiftung Hohenegg zweimal im Jahr alltagsrelevante Themen der Psychologie und Gesundheitsförderung verständlich und unterhaltsam im Dialog vermitteln. Jede Veranstaltung lebt vom Austausch zwischen ausgewiesenen Fachpersonen, Persönlichkeiten mit besonderer Erfahrung und einem interessierten Publikum. Die inspirierende Atmosphäre des Museums für Gestaltung Zürich bot dafür einmal mehr einen idealen Rahmen.

Der anschliessende Apéro im Foyer bot Raum für persönliche Begegnungen und Austausch.

Weitere Videos zum Gespräch finden Sie auf unserem Youtube-Kanal.

Autor*innen

  • Sabine Claus

    Leiterin Marketing & Kommunikation

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