Bewegung als Therapie in der Psychiatrie

Sporttherapie beeinflusst Stressregulation, Schlaf und Selbstwirksamkeit. Der Beitrag zeigt Indikationen und Umsetzung im Alltag. Ein Podcast ergänzt den Einblick mit praktischen Impulsen.

Die Nordic-Walking-Gruppe der Privatklinik Hohenegg ist bei Wind und Wetter unterwegs.

Sporttherapie hat sich in den vergangenen Jahren als fester Bestandteil psychiatrischer Behandlung etabliert: nicht als beiläufiges Freizeitangebot, sondern als eigenständige Therapieform mit klarer Zielsetzung und professioneller Begleitung. Sie steht gleichberechtigt neben Psycho- und Pharmakotherapie sowie Kunst-, Tanz- und Musiktherapie.

An der Hohenegg haben körperzentrierte Verfahren einen hohen Stellenwert, weil sie zur Körper-Geist-Verbindung beitragen. So ist die Sporttherapie Teil des therapeutischen Angebots. «Körperliche Aktivität fördert nachweislich die psychische Gesundheit», sagt Josef Jenewein, Ärztlicher Direktor. «Studien belegen insbesondere bei leichter bis mittelgradiger Depression eine Wirksamkeit – ähnlich derjenigen von medikamentöser Behandlung.» Körperliche Aktivität habe zudem angstreduzierende Effekte. Wichtig sei eine individuelle Anpassung der Aktivität, z. B. Ausdauer- oder Krafttraining, je nach Patientenerfordernis, das in einem spezifischen Assessment erfasst wird.

Biologische, psychische und soziale Mechanismen

Die Wirkung einer sporttherapeutischen Intervention beruht auf einer Kombination von biologischen, psychischen und sozialen Mechanismen. Bewegung beeinflusst die vegetative Regulation, die Schlafqualität, die Stressverarbeitung und fördert Selbstwirksamkeit sowie Affektregulation. Überdies stärken Patientinnen und Patienten dank Bewegung ihre Körperwahrnehmung und finden wieder Zugang zu ihren Ressourcen. Dabei ist für den therapeutischen Erfolg nicht die Intensität entscheidend, sondern die Regelmässigkeit und Passung der Aktivität. «Sporttherapie ergänzt eine psychotherapeutische und pharmakologische Behandlung», sagt Josef Jenewein. «Hilfreich ist sie aber auch für Menschen, die keine Medikamente wünschen.»

Sporttherapeutische Aktivitäten erfolgen häufig in der Gruppe. «Der soziale Faktor ist relevant. Gruppenaktivitäten wie gemeinsame Läufe oder Fitness motivieren, stärken die soziale Teilhabe und wirken dem gesellschaftlichen Rückzug entgegen», so Jenewein. Zudem tragen sie zur Strukturierung des Alltags bei. «Geplante Sporttermine sorgen für einen ausgeglichenen Tagesablauf, verbessern Disziplin und stärken dank autonomer Terminplanung die Selbststeuerung, was insbesondere auch für Menschen mit Burnout oder Burnout-Risiko sehr hilfreich sein kann.»

Diagnostische Hinweise

Sporttreibende Patientinnen und Patienten können dem medizinischen Fachpersonal auch diagnostische Hinweise liefern. Was möglicherweise verbal schwer zu formulieren ist, kommuniziert der Körper. «Gestik, Mimik, Bewegungsmuster und Gangbild, aber auch Antrieb, Schonhaltung, Angstvermeidung oder generell der Umgang mit Leistung erlauben Rückschlüsse auf psychische Zustände», erläutert Josef Jenewein. Gaia Mittermair ist Sporttherapeutin an der Privatklinik Hohenegg. Sie begleitet Patientinnen und Patienten bei Aktivitäten wie Yoga, Rückenschulung, Nordic Walking, Teamsport und Outdoor-Fitness. Zur positiven Wirkung der Angebote sagt sie: «Das Selbstvertrauen und das Gemeinschaftsgefühl werden gestärkt, das individuelle Wohlbefinden nimmt zu. Man sieht das förmlich noch während der Aktivitäten. Und die Teilnehmenden formulieren das auch. Sie sagen: Das tut mir gut.» Dieses Emotions- und Erfahrungslernen, die Erinnerung an das gute Gefühl führten zu einem Automatismus. «Trotz anfänglicher Unlust etablieren sich Routinen.»

Körpervertrauen und Selbstwirksamkeit

Einen weiteren heilsamen Aspekt der Sporttherapie sieht Gaia Mittermair im Ausloten und Überschreiten von Grenzen in einem geschützten Rahmen. Das Vertrauen in den eigenen Körper und die Selbstwirksamkeit würden gestärkt. «Eine Abkehr von der rein erleidenden Patientenrolle hin zu Eigenkompetenz und Autonomie.» Zudem würden zum Beispiel Schmerzpatienten ermutigt, Neues auszuprobieren. «Die Bewegungserfahrung kann zu einer Neubewertung des Schmerzes führen.»

Sporttherapie ist kein Leistungssport. Sich das immer wieder bewusst zu machen, sei wichtig, sagt Mittermair. «Sinnvoll ist eine gesunde Balance zwischen moderatem Einsatz und anspruchsvoller Leistung. Wir passen das im Gespräch mit der Patientin oder dem Patienten regelmässig an, abhängig von Diagnose und Tagesform.» Wichtiger als Leistung ist das Dranbleiben, die Adhärenz. Dazu tragen kleine, verlässliche Schritte bei – und nicht Überforderung.

Auch das Sicherheits- und Indikationsmanagement sind von Bedeutung, denn sportliche Aktivitäten können auch unangebracht oder gefährlich sein. Therapeutinnen und Therapeuten müssen zum Beispiel mit Suizidalität, Essstörungen, Suchtverhalten, psychotischer Symptomatik, somatischen Risiken und Medikation verantwortungsvoll umgehen.

Transparenz und Plausibilität

Ein zentraler Bestandteil des Hohenegger Therapiekonzepts sind die Transparenz und Plausibilität. Josef Jenewein sagt: «Wir erklären den Patientinnen und Patienten den Zusammenhang zwischen körperlicher Fitness, Bewegung und psychischer Gesundheit, und wir zeigen auf, dass therapeutische Interventionen auf wissenschaftlicher Evidenz basieren.» Dieses Verständnis sowie der gemeinsam getroffene Entscheid für eine Massnahme tragen zum therapeutischen Erfolg bei.  «Unsere Patientinnen und Patienten verstehen, weshalb wir eine Therapie verordnen
beziehungsweise ein Medikament verschreiben.»

Ärztliche Verordnung und individuelle Anpassung steigern die Akzeptanz und Wirksamkeit. Gruppenaktivitäten und feste Terminplanungen fördern die Motivation, soziale Teilhabe und Alltagsstruktur. Und Studien belegen die Wirksamkeit von Sporttherapie insbesondere bei depressiven Erkrankungen. Ein Bedarf an Forschung besteht weiterhin bei Angststörungen und Burnout.

 

Podcast: Bewegung im Alltag

Die Kontext-Redaktion spricht mit Sporttherapeutin Gaia Mittermair über alltagstaugliche Bewegungsimpulse. Praktische Tipps und Einblicke:

«Bewegung tut gut – das wissen wir alle. Doch was, wenn uns gerade die Kraft dazu fehlt?»

 

Autor*innen

  • Rolf Murbach

    Freiberuflicher Journalist und Fotograf

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