Psychosomatik im klinischen Kontext verstehen

Wenn die Seele leidet, spricht oft auch der Körper. Die Privatklinik Hohenegg untersucht systematisch, wie sich psychische Belastungen in messbaren körperlichen Veränderungen zeigen – und wie beide Ebenen gemeinsam behandelt werden können.

Die Psychosomatik ist eine interdisziplinäre Spezialität in der Medizin, die sich mit der Untersuchung und Behandlung von körperlichen Beschwerden, die durch psychische Faktoren wie Stress, Ängste oder traumatische Erfahrungen ausgelöst oder aufrechterhalten werden, beschäftigt. Die Psychosomatik fristet in der Medizin weiterhin ein Mauerblümchen-Dasein. Für viele Ärztinnen und Ärzte ist das psychosomatische Modell nicht praktikabel. So manche nennen sich Psychosomatiker – sind aber Bio-Mediziner – und bei Betroffenen löst das Adjektiv «psychosomatisch» mehrheitlich Unverständnis und Ablehnung aus.

Das bio-psycho-soziale Modell – überzeugend in der Theorie, schwierig in der Praxis

Seit der Propagierung des «bio-psycho-sozialen Krankheitsmodells» durch G. Engel 1977 hätte sich diese Situation verändern sollen, was aber leider nicht passiert ist. Diese Tatsache legt nach 70 Jahren Beobachtung die Schlussfolgerung nahe, dass das bio-psycho-soziale Krankheitsmodell bestenfalls ein gutes theoretisches Konzept ist, sich aber in der Praxis nicht umsetzen lässt, auch wenn es einige empirische Belege dafür gibt, dass es möglich wäre.

Zwischenzeitlich wurden alternative Modelle wie z. B. das «bio-hermeneutische» Krankheitsmodell (Henningson, 2021) propagiert, das betont, dass es nicht nur äussere Stressoren gibt, die Gesundheit bzw. Krankheit bestimmen, sondern auch «innere Faktoren» wie Prägungen und Vorerfahrungen (Priors), die den Umgang mit diesen äusseren Stressfaktoren beeinflussen. Auch in diesem Modell bleiben das «Innere» und «Äussere» getrennt und die Frage, wie beides zusammenhängt, ist ungeklärt.

Der phänomenologische Ansatz: Befindlichkeit als Verbindung von Psyche und Körper

Die Privatklinik Hohenegg verfolgt einen phänomenologischen Ansatz: ausgehend von der Lebenswelt des Menschen, d. h. durch das, womit sich die einzelne Person gerade beschäftigt – mental oder körperlich – entsteht so etwas wie Bewusstsein (Husserl, 1954). Das Bewusstsein bezüglich der eigenen Person und des Bezugs zur Welt nennt sich Befindlichkeit. Bei psychischen
Erkrankungen finden sich typischerweise Veränderungen dieser Befindlichkeit, also Befindlichkeitsstörungen in Form von Angst, Depression usw. Mehr oder weniger alle seelischen Erkrankungen wie Depressionen, Burnout oder Angsterkrankungen gehen auch mit körperlichen Beschwerden einher. So konnten wir in einer kürzlich veröffentlichten Studie zeigen, dass bei
depressiven Patientinnen und Patienten kognitive Funktionen, Stressparameter (Herzratenvariabilität) und Motorik (Gangbild) im Vergleich zu Gesunden verändert sind (de Bruin et al., 2026). Diese Veränderungen normalisieren sich interessanterweise wieder nach erfolgreicher Behandlung, wie wir in einer weiteren Studie zeigen konnten (Daten in Vorbereitung zur Publikation).

Von der Diagnostik zur Therapie: psychosomatische Behandlung an der Hohenegg

Bei manchen Patientinnen und Patienten stehen die körperlichen Symptome allerdings im Vordergrund. Bei diesen, aber auch bei allen anderen erfolgt in der Privatklinik Hohenegg bei Eintritt ein sorgfältiges Assessment von psychischen und körperlichen Faktoren. In einer aktuell laufenden Studie werden insbesondere auch Indikatoren der körperlichen Fitness (z. B. Ausdauer und Kraft) erhoben und mit psychischen Faktoren korreliert. Dementsprechend werden diese Faktoren in spezifischen Therapien adressiert, weshalb alle Patientinnen und Patienten von unseren psychosomatisch ausgerichteten Behandlungen profitieren.

Um diesem engen Zusammenhang zwischen dem psychischen und dem körperlichen Befinden noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken, werden wir unser Therapieangebot künftig noch spezifischer gestalten. Im Rahmen einer Studie in Kooperation mit der OST – Ostschweizer Fachhochschule werden wir ab Juni 2026 ein gezieltes Training einsetzen, das motorische und psychisch-kognitive Aspekte gleichzeitig berücksichtigt. Ganz im Sinne von: Mens sana in corpore sano.

 

Studie:
Wenn Depression im Körper messbar wird Unsere Forschung zeigt: Depression betrifft nicht nur die Psyche, sondern auch messbare körperliche Funktionen. Veränderungen im Gangbild, in der Herzratenvariabilität, in kognitiven Leistungen und in der Aktivität des präfrontalen Kortex können helfen, Depression besser zu erkennen und Therapieansätze gezielter zu entwickeln.

Unten finden Sie die Studie.

 

Autor*innen

  • Prof. Dr. med. Josef Jenewein

    Ärztlicher Direktor

Unsere Website verwendet Cookies. Durch die weitere Nutzung stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos: Datenschutz