Vertrauen trägt unsere gemeinsame Wirklichkeit. Schwindet es, entstehen Misstrauen, Verschwörungstheorien und parallele Welten.
Unsere gemeinsame Wirklichkeit beruht nicht nur auf den persönlichen Erfahrungen, die wir mit den Dingen und anderen Menschen machen. Sie beruht auch auf Überzeugungen und Annahmen, die wir nicht persönlich überprüft haben, sondern für die wir uns auf Zeugnisse, Berichte und Informationen anderer verlassen müssen. Die gemeinsame Realität bedarf daher immer eines grundlegenden Vertrauens in andere. Dieses sogenannte «epistemische Vertrauen» bildet die Grundlage unserer sozialen Interaktion.
Vertrauen erscheint dabei als implizite Hintergrundhaltung, die es ermöglicht, Handlungen und Äusserungen anderer als aufrichtig und verlässlich zu verstehen. Es schafft eine Atmosphäre der Sicherheit und wechselseitigen Resonanz, ist jedoch zugleich riskant und prinzipiell nicht vollständig begründbar. Erst sein Verlust führt zu Misstrauen, das die soziale Wahrnehmung grundlegend verändert: Handlungen erscheinen nun doppeldeutig oder täuschend, die Welt wird potenziell bedrohlich. Die gemeinsame Wirklichkeit beginnt uns zu entgleiten.
Vor diesem Hintergrund lassen sich Verschwörungstheorien als Ausdruck eines gestörten Grundvertrauens auffassen. Sie beruhen auf charakteristischen Annahmen wie «Nichts ist, wie es scheint», «Nichts geschieht zufällig» und «Alles hängt mit allem zusammen». Diese führen zu einem Gestaltwandel der Wirklichkeitswahrnehmung: Zufällige und komplexe Ereignisse werden als Resultat geheimer Absichten interpretiert. Verschwörungstheorien erfüllen dabei eine psychische Funktion, indem sie Unsicherheit reduzieren, Orientierung bieten und ein Gefühl von Kontrolle sowie epistemischer Überlegenheit erzeugen. Zugleich immunisieren sie sich gegen widersprechende Evidenz und führen zur Abschottung in gleichgesinnten Gruppen.
Anschliessend analysiert der Vortrag die Rolle digitaler Medien bei der Erosion des Vertrauens. Die Virtualisierung der Erfahrung verwischt die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, während Echokammern und Filterblasen zur Fragmentierung der Öffentlichkeit beitragen. Informationsflut, algorithmische Selektion und gezielte Desinformation fördern die Ausbildung paralleler Wirklichkeiten. In diesem Kontext wird die gemeinsame Basis für Wahrheit und Verständigung zunehmend untergraben.
Doch Vertrauen bleibt eine unverzichtbare Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Seine Wiedergewinnung ist an leibliche Präsenz, zwischenmenschliche Begegnung und gemeinsame Erfahrung gebunden. Nur in der konkreten Interaktion mit anderen lässt sich eine geteilte Wirklichkeit stabilisieren und der Tendenz zur Derealisierung entgegenwirken.
Literaturempfehlungen:
- Butter, Michael (2018), Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien, Berlin: Suhrkamp.
- Endreß, Martin (2002), Vertrauen, Bielefeld: Transcript-Verlag.
- Lamberty, Pia (2020), Verschwörungsmythen als Radikalisierungsbeschleuniger. Eine psychologische Betrachtung, Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung, https://library.fes.de/pdf-files/dialog/16197-20200529.pdf.
- Luhmann, Niklas (2014), Vertrauen. Ein Mechanismus zur Reduzierung sozialer Komplexität, Konstanz: UVK.
- Wittgenstein, Ludwig (1970), Über Gewissheit. Herausgegeben von G. E. M. Anscombe und G. H. von Wright, Frankfurt am Main: Suhrkamp.