Wenn der Körper in Alarmbereitschaft bleibt

Trotz unauffälliger Befunde bleiben körperliche Symptome bestehen. Der Fall zeigt, wie sich anhaltende Aktivierung therapeutisch erschliessen und beeinflussen lässt.

Yasmin Al-Resheg im Gespräch mit einer Patientin

Es sind nicht die spektakulären Verläufe, die sich in der klinischen Erinnerung halten, sondern jene Konstellationen, in denen die diagnostische Präzision der modernen Medizin an eine Grenze stösst, nicht weil sie versagt hätte, sondern weil sich etwas zeigt, das sich ihrer Logik nur unvollständig fügt. Frau M. tritt in unseren Behandlungsschwerpunkt Psychosomatik ein, nach umfassenden internistischen Abklärungen ohne richtungsweisenden Befund und doch mit einem Leiden, das sich als Zustand anhaltender Alarmbereitschaft beschreiben lässt, der weder willentlich regulierbar noch eindeutig lokalisierbar ist und sich in Form von diffusen, wechselnden körperlichen Symptomen wie innerer Unruhe, Herzklopfen, muskulärer Anspannung und einer kaum nachlassenden körperlichen Wachheit äussert, die sich jeder eindeutigen organischen Zuordnung entzieht. Im Erstgespräch formuliert sie mit bemerkenswerter Klarheit, dass ihr
Körper Dinge wisse, die sie selbst nicht erfassen könne, und in diesem Satz verdichtet sich jene Verschiebung, die psychosomatische Arbeit kennzeichnet: dass sich im Körper eine Form von Wissen zeigt, die sich nicht unmittelbar begrifflich erschliessen lässt. Jean-Martin Charcot beschrieb den Körper als Bühne innerer Konflikte, und auch wenn diese Metapher heute differenzierter gelesen wird, bleibt die Beobachtung bestehen, dass sich Prozesse im Körper manifestieren, die sich im Übergang zwischen somatischer und psychischer Ebene vollziehen.

Therapeutisches Zusammenspiel

In der Behandlung von Frau M. entsteht ein Zusammenspiel, in dem sich die verschiedenen therapeutischen Zugänge zu einer präzise abgestimmten Komposition verbinden. In der Einzeltherapie werden mit Frau M. biografische Verdichtungen analysiert und rekonstruiert im Sinne einer Annäherung an frühere Beziehungserfahrungen, in denen sich Muster von Überforderung, Anpassung und unzureichender Affektregulation herausgebildet haben und im gegenwärtigen Körpererleben fortwirken. In der Gruppentherapie beginnt sie, Beziehungsmuster im Gegenüber wahrzunehmen und deren Bedeutung schrittweise zu verstehen.

Der Körper als Zugang

Zentral wird dabei die Arbeit über den Körper selbst. In der Bewegungstherapie erlebt Frau M., wie konstant ihr Organismus Spannung hält; Haltung, Muskeltonus und Atemrhythmus werden nicht interpretiert, sondern als Ausdruck eines Systems erfahrbar, das über lange Zeit reguliert hat, ohne bewusst zu sein, sodass Frau M. ihren Körper nicht nur als Quelle der Anspannung, sondern auch als Orientierung für ihre Befindlichkeit erlebt. Im Biofeedback werden diese Prozesse sichtbar, sodass Frau M. ihre physiologischen Reaktionen nicht mehr nur spürt, sondern beobachten und in kleinen Schritten beeinflussen kann, ohne ihren Körper erneut zu übersteuern. Auf diese Weise entsteht kein Nebeneinander von Methoden, sondern ein therapeutisches Gefüge, in dem Psychotherapie, Bewegung, Biofeedback und weitere körperorientierte Verfahren ineinandergreifen und gemeinsam jene Bedingungen schaffen, unter denen für Frau M. eine neue Form von Beziehung zu ihrem Körper entstehen kann: nicht als Kontrolle, sondern als Möglichkeit, über den eigenen Körper wieder in Kontakt mit sich und der Umwelt zu treten und ihn als Verbündeten zu erfahren.

Autor*innen

  • Yasmin Al-Resheg

    Leitende Ärztin

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