Nicht Ausdruck, sondern Regulation
Das Ziel des lösungsorientierten Malens ist nicht, die eigene Ausdrucksfähigkeit zu stärken oder kreativ zu sein. Es geht darum, das vegetative Nervensystem direkt anzusprechen und zu regulieren. Gemalt wird, um Stressreaktionen zu verändern, die sich im Körper zeigen – ausgelöst durch bestimmte Gefühle oder auch Gedanken. Wenn sich die Stressreaktion beruhigt, können sich auch Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen verändern.
Manchmal geht es darum, konkrete, störende innere Bilder zu bearbeiten – dann wird direkt an diesem Bild gearbeitet. Ist dagegen «nur» ein Gefühl oder eine Körperreaktion da, etwa Angst, innere Unruhe oder starke Anspannung, arbeitet Karin Lorenz mit sogenannten Metaphern: neutralen Bildern, die inhaltlich nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun haben – zum Beispiel eine Zitrone anstelle einer Schlange oder Spinne bei Angst. Das ist Absicht: Das neutrale Bild hinterlässt einen anderen, unbelasteten Eindruck.
Vertrauen als tragender – und zugleich fehlender Faktor
Diese Art zu arbeiten ist, wie Karin Lorenz es beschreibt, kontraintuitiv: Man muss sich unangenehmen Gefühlen stellen, damit sich etwas verändern kann. Das gelingt nur, wenn eine tragfähige Vertrauensbasis besteht. Vertrauen ist damit nicht nur ein wichtiger, sondern möglicherweise der zentrale Faktor in der therapeutischen Beziehung.
Gleichzeitig ist genau das die besondere Herausforderung: Wenn Klientinnen und Klienten in die Klinik kommen, befinden sie sich oft in einer Vertrauenskrise – nicht unbedingt gegenüber der Therapeutin oder der Institution, aber in jedem Fall gegenüber sich selbst. Das Vertrauen in andere Menschen, ins Leben oder in die eigene Fähigkeit, Lösungen zu finden, ist oft geschwächt.
Umso bemerkenswerter findet Karin Lorenz, wie viel Vertrauen ihr trotzdem entgegengebracht wird: Viele Menschen sind bereits nach wenigen Tagen oder ein, zwei Wochen in der Klinik bereit, sich auf einen für sie fremden therapeutischen Weg einzulassen. Diese Bereitschaft gilt es zu würdigen – und behutsam zu stärken, damit der eingeschlagene Weg weitergegangen werden kann.

Ein Beispiel aus der Praxis
Wie das konkret aussieht, macht ein Beispiel aus dem Gespräch deutlich. Eine Klientin beschreibt Angst und Zwangsgedanken, insbesondere vor sozialen Interaktionen, begleitet von starker Selbstabwertung. Auf die Frage, was der Körper in solchen Momenten tut, antwortet sie: eine Anspannung, ein Zusammenziehen im Bauch, eine leicht gebeugte statt aufrechte Haltung.
Daraus entwickelt Karin Lorenz gemeinsam mit der Klientin eine passende Bildsprache: eine geometrische Form – ein Dreieck – in einer neutralen Farbe, gewählt zwischen Gelb, Grün und Blau. Die Wahl fällt bewusst nicht auf ein Symbol, das unmittelbar mit dem Thema Angst verknüpft ist, sondern auf ein neutrales Motiv, das mit der körperlichen Reaktion verknüpft wird.
Warum die Bilder nicht gedeutet werden
Ein zentraler Unterschied zu vielen anderen Therapieformen: Die gemalten Bilder werden nicht interpretiert. Andere Therapierichtungen arbeiten stark mit Deutung, Assoziation und Wissen – das lösungsorientierte Malen setzt bewusst auf das «automatische» Funktionieren des Nervensystems. Bei einer Interpretation, so Karin Lorenz, greifen wir auf unser Denken und unsere Assoziationen zurück. Beim lösungsorientierten Malen geht es stattdessen darum, die Reaktionen des autonomen Nervensystems, die sich auf der Körperebene zeigen, direkt zu beeinflussen und die dadurch entstehende Veränderung zu spüren.
Der Grund dafür liegt in der Art, wie unser Gehirn Bilder verarbeitet: Sie werden in anderen Hirnregionen abgespeichert als Worte und sind sowohl dem bewussten Denken als auch dem autonomen Nervensystem zugänglich. Wenn beide Systeme «im Boot» sind, wie Karin Lorenz es nennt, stehen uns mehr Verwertungssysteme zur Verfügung, um uns in der Welt zurechtzufinden – denn genau dafür wurden diese Systeme von unserem Körper entwickelt. Ein Gespräch bewegt sich in einem anderen Raum als ein Bild; beide Zugänge haben ihren eigenen Wert.

Auch ausserhalb der Klinik zugänglich
Wer sich von der Methode angesprochen fühlt, muss dafür nicht in stationärer Behandlung sein. Es gibt niedergelassene Kunsttherapeutinnen und -therapeuten am eigenen Wohnort, bei denen man die Methode kennenlernen und ausprobieren kann. Daneben existieren – ursprünglich aus den USA, wo das Gesundheitswesen anders organisiert und der Zugang zu Fachpersonen nicht überall gleich gegeben ist – Selbsthilfebücher zur Lösungsorientierten Maltherapie.
Ein einfacher Alltagstipp
Auch ganz ohne Therapie lässt sich das Grundprinzip nutzen, sagt Karin Lorenz: den Blick schweifen lassen, wenn man in den Ferien ist oder einen ruhigen Moment zu Hause hat – ein Wald mit viel Grün, ein Ausblick auf einen See oder auf Berge lösen bei vielen Menschen eine Beruhigungsreaktion aus. Wer eine andere Form der Entspannung bevorzugt, kann ebenso gut mit Musik oder Bewegung arbeiten. Entscheidend ist, das Einfachste zu finden, das einen für ein paar Augenblicke aus der Unruhe des Alltags herausholt – und in diesem Moment bewusst zu verweilen.
Mehr zum Thema Vertrauen: Karin Lorenz gestaltet am 10. September 2026 einen Workshop am Symposium der Privatklinik Hohenegg zum Thema «Vertrauen». Weitere Informationen und zur Anmeldung.
Podcast zum Nachhören: Das vollständige Gespräch mit Karin Lorenz gibt es im Podcast «Seelische Gesundheit» der Privatklinik Hohenegg.